Willkommen in der Angstkältehölle

1974
Angst? Ist es das, was Vater meint? Wenn die Kälte durch die Sohlen kriecht und sich Zentimeter um Zentimeter die Beine hocharbeitet bis zu den Knien und über die Oberschenkel hinaus weiter bis zum Bauchnabel, wo sie im Bauch spielt, die Blase auskühlt und sich ein dringendes Bedürfnis einstellt, du auf der Stelle trittst, so gut es denn möglich ist in der Angstkältehölle. Die Fußspitzen ragen ein paar Zentimeter über den Betonsockel. Den Rücken presst du an die Wand, hältst den Kopf gerade. Die Arme baumeln rechts und links. Wenn du sie vor der Brust verschränkst, um dich zu wärmen, gerät dein Körper in Schieflage. Du könntest abstürzen. Unter den Fußspitzen ist vier Stockwerke nichts. Bis zum Pflaster des Sankt Johanner Markts würdest du vorbei an den Wohnungen der Omlors und der Korns stürzen und weiter fallen vorbei an den weiß verklebten Fenstern der Massagepraxis im ersten Stock bis du vor dem Schaufenster des Juweliers aufschlagen würdest. Dann wärst du vermutlich tot.
Wie schnell deine Füße gewachsen sind. Als Vater dich das letzte Mal unter den Armen gepackt hatte, um dich auf die Brüstung zu stellen, reichten die Zehenspitzen gerade mal bis zum Rand. Die Bäume auf dem Marktplatz hatten zarte, hellgrüne Blätter. Die Luft roch gut. Es war wärmer als jetzt. Der Wind kam aus der anderen Richtung.
Darunter vier Stockwerke tief die vorweihnachtliche Stadt. Eben noch wirbelten ein paar Schneeflocken um deine Nase, die die Hoffnung auf Schnee an Weihnachten wachsen ließen, aber der Wind hat gedreht. Nun fegt er eiskalt und trocken aus Nordosten die Kaltenbachstraße herunter. Im Lichtdunst der Stadt siehst du nur die hellsten Sterne. Wind und Angst und Kälte. So ganz hast du mit deinen acht Jahren nicht begriffen, was Angst ist. Vater sagt, die Tiefe sei die Angst. Die Tiefe und der Tod, der in ihr lauert. Aber der Tod lauert doch nur in der Tiefe, wenn man runterfällt, hattest du gesagt. Was ist Angst, wenn man nicht in die Tiefe stürzt? Ist es Kälte? Ist Angst Kälte? Der Frühling mit seinen hellgrünen Spitzen an den Bäumen kennt keine Angst. Auch der Winter kennt keine Angst. Der Stillstand, die baumelnden Arme an der Seite kennen keine Angst. Kennst du die Angst? Geduld ist dein Freund. Geduld und die etwa zwanzig Zentimeter Beton, auf denen deine Füße stehen.
Obwohl der Weihnachtsmarkt hell erleuchtet ist, ist es hier oben stockdunkel. Die Weihnachtsbeleuchtung hängt weiter unten zwischen dem zweiten und dritten Stock. Im Zick-Zack überquert sie den Marktplatz. Die Straßenlaternen leuchten nur nach unten. Das Pflaster ist hell. Auch die Bühne, auf der der Chor steht, ist hell. Das Drahtseil, auf dem der Weihnachtsmann auf einem Fahrrad hin und her fährt, balancierend mit einer langen Stange, ist zwischen der Massagepraxis und der Wohnung der Korns verankert. Der Weihnachtsmann wirft Geschenke. Kinder und Erwachsene stürzen sich auf die bunten Päckchen. Wie Ameisen, die einen toten Käfer wegtragen. Sie streiten manchmal.
Oberhalb der Wohnung der Omlors ist kaum noch Licht. Die Fassade versinkt in grau. Niemand sieht dich. Dein braun-gelb-orange geringelter Pullover, der am Tag so schön leuchtet, ist hier nur grau, andersgrau und nochmal andersgrau. Nur dein Vater weiß, dass du da stehst. Nur er weiß, wie lange du da stehen wirst. Hinter dem geschlossenen Fenster sitzt er in seinem Sessel vor dem Fernseher. Wahrscheinlich hat er eine Schale Gebäck neben sich auf dem Tisch stehen. Frisches Zimtgebäck, Spritzgebackenes, Beetmännchen und Mathildabrötchen. Großmutter hatte sie letzte Woche gemeinsam mit dir gebacken. Sie ließ dich Teig naschen und du durftest die Sterne und Herzen für die dreistöckigen Mathildabrötchen ausstechen. Deine Kekse.
Wie lange schon? Vor vier Liedern hatte dich der Vater gepackt, durchs offene Fenster auf die Ballustrade gestellt. Wie lange ist vier Lieder? Ein ‘Oh when the Saints’, ein ‘Djingle Bells’, ein ‘Oh Tannenbaum’ und ein ‘Stille Nacht’ stehst du jetzt schon hier. Die Menschen auf dem Marktplatz richten die Gesichter in Richtung Bühne. Sie wippen. Sie quatschen. Hin und wieder heben sie die Becher. Alle? Fast. Es ist seltsam, sie zu beobachten. Wie ein machtloser Hirtenhund versuchst du, kraft deines Blickes, den ein oder anderen Abtrünnigen zurückzutreiben in die Menge vor der Bühne. Haben sie nur die Wahl zwischen Dazugehören und – naja – Outlaw?
Wo ist die Angst, von der Vater immer redet? Du sollst sie besiegen, indem du auf dem schmalen Stück Beton neben seinem Wohnzimmerfenster stehts. So sagte er. So lange bis er das Fenster wieder öffnet, etliche Weihnachtslieder später, so lange sollst du die Angst besiegen. Ist Angst Kälte? Dann hättest du es begriffen. Hässliche, kalte Angst, die sich aus der Kaltenbachstraße mit dem Nordostwind anschleicht und dir unter den Pullover kriecht. Ja, dann hättest du es heute Abend begriffen.
Das Fenster geht auf. Das Gesicht der Polizistin wirst du nie vergessen, ihre starren Augen. Sie zittert. Sie streckt ihre rechte Hand. Mit der linken klammert sie sich ans Fenster. DAS ist Angst. Ihre Angst. Vaters Angst. Aller Angst. Deine eigene Angst ist Kälte. Die Polizistin zieht dich nach innen. Das Flattern der langen Vorhänge und der Blick des Vaters über die Schulter, während ein Beamter ihn aus der Wohnung bringt. Nie wirst du das vergessen.