Vernissagentektonik

Ichderisch redet direkt, bloß mit wem?

Was musste ich auch so garstig sein gegenüber dem ersten Beigeordneten! Vermutlich habe ich ihm durch eine flapsige Bemerkung den ohnehin grauen Sonntag versaut. Kleines Museum in einem kleinen Städtchen irgendwo in Deutschland. Wir stehen vor einem waschechten Otto Dix oder vielleicht ist es ein waschechter Gustav Klimt? Egal. Das Bild zeigt einen kubistischen oder expressionistischen Gockel, schön bunt, Öl auf Leinwand, gut DIN A3 groß. Gerade eben hat eine Ausstellungseröffnung in den temporär für zeitgenössische Kunst genutzten Räumen der alten Scheune stattgefunden, in der sich das Museum seit etwa zehn Jahren befindet. Der Beigeordnete redete. Dann ein Kunsthistoriker. Zwischendurch spielte ein pfiffiger Junge Klavier. Warum der Informalismus die Form auflöst und neuen Raum schafft, der schließlich dennoch von Form beherrscht wird, auch wenn eigentlich keine Form mehr vorhanden ist. Zweifellos eine Sache, über die man einmal nachdenken sollte. Etwa zwanzig Gäste im Raum. Die beiden Künstler anwesend. Ich starre auf die Fließen, welche den Fußboden in portionsgerechte Quadrate zergliedern. Pointilistisch oder kubistisch und plötzlich wird mir die Vernissagentektonik bewusst. Zwischen den Redenden und dem Publikum befindet sich unsichtbar eine Reibungszone. Auch zwischen dem Klavier und dem Publikum ist eine Reibungszone. Sowie zwischen Künstlern und Redenden und zwischen Publikum und Künstlern. Überall lauern heiße Lavaspalten. Jeder befindet sich auf seiner eigenen tektonischen Platte. Das Millionen Jahre alte Indien, wie es im Millimetertakt auf einer brodelnden See aus Lava in Richtung erster Beigeordneter driftet. Mir wird Unwohl bei dem Gedanken, dass wir auf einem Pulverfass vernissieren. Der Junge klimpert Stairway to Heaven. Ich zähle die Fließen, finde irgendwo jenseits des Andreasgrabens der feinen Künste, unweit vom Kunstvereinsvorsitzenden eine verkehrt gelegte Fließe, die meine Vermutung, das einjeder auf seiner Kontinentalscholle der feinen Künste dahin driftet, nur untermauert. Später gibts Häppchen. Wein. Apfelsaft. Gebäck. Ich in Schlange fast beim Riesling, als sich der Beigeordnete jovial an mir vorbei mogelt, den Historiker im Gepäck, vom pickligen Jungen, der den Wein serviert zwei Gläser vom Besten fordert. Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit und die anderen da in der Schlange, das Klatschvieh, ist doch nur Schmutz. Ein Pulverfass. Und Schmutz hat Zeit. Ein Suckeln an halbleerer Flasche in einer gemeinen Welt voller Überholspuren, gewagter Manöver, ignorantem Großmanntum. Vor dem feinen Gockel von Klimt oder Dix oder wem auch immer wird mir klar, dass wir uns in einem abgenagten Gerippe befinden. Längst gegangen sind sowohl die Sammler, als auch die Künstler und jemand hat kluger Weise die Bilder bewahrt und zeigt kluger Weise ein paar noch lebende Zeitgenossen. Noch. Bald werden auch sie gegangen sein und ihre Bilder und Skulpturen landen auf der Mülldeponie, wenn niemand sie sammelt und in Museen hängt. Irgendwo jenseits der brodelnden Lavaspalte. Womit versaue ich dem Beigeordneten den Tag? Mit dem Wörtchen “Soviel also zur Pressefreiheit”, welches ich ihm nachrufe, als er zur Volontärin der örtlichen Zeitung lächelt und sagt: “Schreiben sie schön über uns.”

2 thoughts on “Vernissagentektonik

  1. Wichtigtuerei will auch gelernt sein.
    Wie sieht es mit der künstlerischen Freiheit aus?

Comments are closed.